Thea Timm
cabin in the woods, 2004
mixed media, Nebelmaschine
Hütte: 400 x 290 x 258 cm, Maßstab 1:1
Ausstellungsansicht mit Nebel, Peep Galerie, Malmö, Schweden
Sequenz, 2004
c-print, Triptychon
je 63 x 46 cm
Interieurfotografien der Installation "cabin in the woods"
Driving nuts, 2008
Holzintarsien (3-er Serie)
30 x 30 cm (Abb.)
Ohne Titel, 2007
Jägerzaun
1700 cm x 60 cm
Ausstellungsansicht, Cluster, Berlin
Foto: Amin Akhtar
Wimpelkette, 2009
Furnier (Buche, Mahagonie), Draht
Maße variabel
Ausstellungsansicht, Galerie Skulpturi DK, Kopenhagen
Foto: Erling Jeppesen
Schnee von gestern, 2007
RSL Straßenlaterne
Länge: 630 cm, 350 kg
Ausstellungsansicht, Gewächshaus, Berlin-Lichtenberg
Die Atmosphäre, die einen Ort umgibt ist für Thea Timms künstlerische Arbeiten von entscheidender Bedeutung. Dazu gehören nicht nur Landschaft und Architektur, sondern auch bestimmte Plätze oder Räume. Die Künstlerin lässt diese auf sich wirken und überträgt die dortige Stimmung intuitiv in ihre meist bildhauerischen, installativen und bisweilen auch filmischen und fotografischen Werke.
Dieser atmosphärische Transfer zeigt sich beispielsweise in ihrer Installation cabin in the
woods (2004). Ausgangspunkt für die Arbeit waren Timms Kindheitserinnerungen an die in
einem Waldstück in Süddeutschland gelegene Holzhütte ihrer Großmutter.(1) Die Installation
wirkt wie die Übertragung des Originals in den Ausstellungskontext. Tatsächlich handelt es
sich um einen Nachbau, bei dem sie einzelne Elemente der echten Hütte verwertete.(2) Visuell
werden beide Wirklichkeiten unmerklich miteinander verbunden. Die Künstlerin hüllt das
Haus in Nebel und diffuses Licht, die der Szenerie eine geheimnisvolle Aura verleihen. Man
nähert sich fast bedächtig und einmal an der Tür angekommen, muss man feststellen, dass
sie verschlossen ist. Lediglich ein Blick durch das Fenster gibt den Blick frei auf das private
Interieur. Der genius loci dieses Ortes vermischt sich mit Assoziationen an die Ästhetik und
den „Mief“ der 1960er Jahre, in denen die Behausung konstruiert wurde.(3) Die
Raumerfahrung wird durch die Dimension des Verborgenen bereichert. Timm schafft hier
zum einen die Sichtperspektive von außen nach innen. Zum anderen hält sie den Besucher
auf Distanz und bindet ihn gleichzeitig ins Geschehen ein, indem sie eine emotional
aufgeladene, fast filmisch narrative Stimmung erzeugt, die Platz für eigene Erinnerungen,
Gedanken und Interpretationen bietet. Die Künstlerin entwirft gleichsam eine
Projektionsfläche für unser kollektives Gedächtnis. Die Außen- und Innenräume, mit denen
sie sich auch in ihren Videos und Fotografien beschäftigt, sind daher stets menschenleer.
Cabin in the woods visualisiert zudem den Prozess des Erinnerns. „Erinnerung braucht nicht
nur einen Ort, sie scheint vor allem eine Form zu benötigen, woran sie sich festmachen
kann.“(4) Die Gedanken an vergangene Zeiten rücken immer weiter von uns weg, werde
diffuser und verblassen mit den Jahren. Parallel dazu lassen sich durch Suggestion und
Einbildung Ereignisse im Gedächtnis manifestieren, die nie stattgefunden haben.
Thea Timms Herangehensweise zeichnet sich durch eine intime Sicht auf die Dinge aus,
man möchte fast sagen durch ein unvoreingenommenes Schauen, das von großer Neugier
begleitet wird. Die konkreten Kindheitserinnerungen führen in anderen Arbeiten zu Begriffen
wie Heim(at) mit Anklängen an das Kleinbürgerliche, das die Künstlerin in ihrem
norddeutschen Heimatdorf(5) in jungen Jahren kennen gelernt hat, wenngleich sie sich dessen
nie zugehörig fühlte. In diesem Zusammenhang können ihre Intarsienarbeiten gelesen
werden. Mit unterschiedlichen Holzfurnieren hat Timm Werke geschaffen, die zwischen
Zwei- und Dreidimensionalität changieren. Driving Nuts (2008) besteht aus einem Triptychon
mit nautischen Motiven wie einem Steuerrad, einem Segelboot und einer Knotentafel, die
einer Hafenkneipe oder einem Seemannsheim entnommen sein könnten. In einer weiteren
Installation präsentiert die Künstlerin Intarsien mit Jagdmotiven in Kombination mit einem
Jägerzaun, der sich in Form eines Loopings aberwitzig durch den Ausstellungsraum
schlängelt. In Deutschland kennt man diese Begrenzung vor allem aus Gartenparzellen, die
nicht etwa vor Wild geschützt werden müssen, sondern in denen der Eigentümer ganz
deutlich seinen Grundbesitz markiert. Timm lässt diese kleinbürgerliche Konvention
durcheinander wirbeln, bricht das abgesteckte Revier auf und lässt den emblematisch für
Spießigkeit stehenden Zaun absurd und heiter erscheinen. Im Gegensatz zu cabin in the
woods wird hier die häusliche Infrastruktur auf verrückte Weise inszeniert und damit
zweckentfremdet.
Mit den Intarsienarbeiten greift Timm nicht nur ein altes Handwerk auf, sondern spielt auch
mit einer bestimmten Hobbyästhetik. Die Verwendung des Furniers, das Kleben und die
liebevolle Kleinarbeit, sowie die Motive erinnern an Modellbau und dekorative Heimkunst.
Das häusliche Werkeln geht auf die Do-it-yourself-Bewegung zurück, die in den 1950er
Jahren in England entstand und schnell auf das europäische Festland übergriff. In
Deutschland gab es bereits 1957 die erste deutsche Heimwerker-Illustrierte Selbst ist der
Mann. Bis heute erfreut sich diese Amateurkultur äußerster Beliebtheit.(6) Auch Timm besaß
von je her ein Interesse am Handwerklichen. Sie bricht diese Anmutung von Volkskunst
jedoch vor allem durch die Titelgebung. „Driving Nuts“ (was sprachlich nicht ganz korrekt ist,
aber frei übersetzt soviel wie „durchdrehen“ heißt) verweist zum einen auf den Wahnsinn im
geschlossenen System des Heimwerkertums in unseren Hobbykellern. Zum anderen ist der
Titel wortwörtlich zu verstehen. „Driving“ („fahren“) findet sich im Motiv des Steuerrads und
des Modellboots wieder und „nuts“ („Nüsse“) ist ein Verweis auf das Material des
Holzfurniers. Es weckt Assoziationen an treibende Holzboote, die wie Nussschalen auf den
Weiten des Meeres navigieren. Trotz ihrer hochästhetischen Optik, rufen die Tafeln
Assoziationen an traditionelle Vereinsheime wach. Diese atmosphärische Verbindung geht
auf Timms Faszination für gesellschaftliche Zugehörigkeiten zurück, wie man sie in
Selbstzweck-Vereinen findet, welche die Freizeitaktivitäten ihrer Mitglieder auf mannigfachen
Gebieten pflegen und fördern. Zu diesen Institutionen gehören beispielsweise
Jägervereinigungen, Marinekameradschaften oder Schützenvereine.
Mit den Insignien von Vereinskultur befasst sich Timm auch in der Arbeit Wimpelkette. Im
Ausstellungsraum der Galerie Skulpturi DK in Kopenhagen inszenierte sie 2009 eine knapp
zehn Meter lange Schnur mit Wimpeln aus sich abwechselndem hellem Buchen- und
dunklem Mahagonifurnier. Eine solche dekorative Beflaggung ist bekannt als Schmückung
von Dörfern oder Stadtteilen zum Anlass von (Schützen-)Festen oder anderen
gesellschaftlichen Feierlichkeiten. Der Wimpel wird zudem seit Generationen als
Identitätsstiftender Gegenstand betrachtet. In der Schifffahrt verweist so manches Exemplar
auf die Anwesenheit besonderer Besatzungsmitglieder, wie Kommandanten oder Admirale
und dient der Kommunikation mit anderen Schiffen. Zu Beginn eines offiziellen Fußball- oder
Handballspiels tauschen die Spielführer beider Mannschaften den Vereinswimpel als
Zeichen der Verbundenheit und der Freundschaft miteinander aus. Häufig dienen Wimpel
auch als Souvenir von Vereinen, Wallfahrtsorten, Fremdenverkehrsstätten oder
Tourismusattraktionen. All diese Bedeutungen schwingen in Wimpelkette mit.
Die ungewöhnliche Wahl des starren, edel anmutenden Materials im Gegensatz zum
herkömmlichen Weichplastik, Stoff oder Papier führt dazu, dass die vermeintlich vom Wind
bewegten Fähnchen in einer Position verharren. Timm untersucht hier den Übergang
zwischen Stillstand und Bewegung, indem sie die Zeit quasi anhält und die Wimpel in dem
ihnen eigentümlichen Flattern einfriert. So wie diese im Allgemeinen bestimmte
Informationen darstellen, symbolisieren die hölzernen Fähnchen Wimpelketten an sich. Die
temporäre Verzierung wird zu einem fast möbelartigen Raumgefüge und überträgt die damit
verbundene festliche Stimmung in den Ausstellungsraum. In gewisser Hinsicht operiert
Wimpelkette mit einer gegenläufigen Strategie zum Jägerzaunlooping. Die flüchtige
Stadtverzierung wird als allgemeingültiges Bild statisch fixiert, wohingegen die Erscheinung
des per se starren Zauns locker in den Ausstellungsraum platziert wird.
Bei Timm sind es die ganz alltäglichen Dinge, Räume oder Orte, die ihren Weg in den
Ausstellungskontext finden. Oft wird ihre Wahrnehmung erst durch diese Übertragung wieder
geschärft. Ein Beispiel dieser Art ist Schnee von gestern. 2007 zeigte die Künstlerin in einer
Ausstellung im Außenraum ein ausrangiertes DDR Modell einer Straßenlaterne, die dort wie
zufällig deponiert auf dem Boden lag.(7) Irritierend war jedoch, dass sie immer noch leuchtete,
also „intakt“ war. Die Skulptur weist nicht zuletzt durch ihren Titel eine humorvolle
Nonchalance auf, die auf die Laterne als Relikt einer vergangenen Zeit verweist. Die
Beiläufigkeit der Inszenierung verbarg zudem den großen logistischen Aufwand, der hinter
diesem Projekt tatsächlich stand. Schnee von gestern geht jedoch auch der Frage nach, wer
eigentlich festlegt, was erhaltenswert ist, was nicht und warum? Im Zuge der Entwicklungen
in Ostdeutschland, die man exemplarisch in Berlin verfolgen kann, wo sukzessive
architektonische Relikte der DDR aus dem Stadtbild verschwinden, ist diese Frage mehr als
berechtigt. Die Laterne lässt nicht nur Reminiszenzen an die vergangene Atmosphäre
ostdeutscher Städte zu, sie steht stellvertretend für unterschiedliches Stadtmobiliar, das
offenbar keine Wertigkeit mehr besitzt und durch neuartige Modelle ersetzt wird. Die
Künstlerin huldigt diesen Dingen mit großer Hinwendung und Sorgfalt. Die illuminierte
Laterne erscheint beinahe wie ein Charakter, der trotzig weiter leuchtet, obwohl sich die
gesellschaftliche Situation um ihn herum verändert hat und ihn nutzlos hat werden lassen.
Thea Timm stößt in ihrem unmittelbaren alltäglichen Umfeld stets auf Gegebenheiten, die sie
auf ihre Allgemeingültigkeit prüft und künstlerisch verarbeitet. Diese Herangehensweise zeigt
sich in der Kombination originaler Elemente mit ihren eigenen Werken. Eine ausgeprägte
Liebe zum Material wird dabei besonders deutlich. Sie sucht nach dem Übergang vom
Zweidimensionalen zum Objekt, vom realen Ort zum Modell und von gesellschaftlicher
Konvention zum Abseitigen. Bei diesen atmosphärischen Übertragungen lotet sie nicht
selten Heim und Heimat als Stimmungsfelder aus. Da Heimat immer etwas Persönliches ist,
bergen Timms Arbeiten sowohl die Chance der Identifizierung, als auch die Möglichkeit eines
befremdlichen Gefühls. Mit ihrer künstlerischen Präzision schärft sie nicht nur unsere Sinne
für alltägliche Phänomene, sondern öffnet den Raum für persönliche Erinnerungen,
Assoziationen und geheime Sehnsüchte.
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(1) Genau genommen befand sich die Hütte in Musberg, einem Stadtteil von Leinfelden-Echterdingen südlich v
Stuttgart.
(2) Die Hütte wurde 2007 nach dem Tod der Großmutter von der Familie abgerissen und das Grundstück
renaturiert.
(3) Vgl. Carina Herring, Ein echter Fan steht natürlich. Ereignisse zwischen Bild und Wirklichkeit, in: Thea Timm
hrsg. v. Landeshauptstadt Kiel/Stadtgalerie Kiel und Thea Timm, 2007.
(4) Thea Timm in einem Gespräch mit der Autorin am 28. Februar 2010 in Berlin.
(5) Die Künstlerin wuchs in Sprenge auf. Es ist der kleinste Ortsteil der 2600 Einwohner Gemeinde Steinburg im
Kreis Stormarn nordöstlich von Hamburg.
(6) Begriff wurde zunächst in Bezug auf Heimwerker und in den 1970ern dann auch in der Punk- und Hardcore-
Subkultur verwendet. Heute umfasst er allgemein viele Tätigkeiten im Bereich Hobby und Kultur.
(7) Dabei handelte es sich um die Ausstellung 01/01 in einem Gewächshaus in Berlin-Lichtenberg, 2007.
Text zum Herunterladen (PDF 0,2 MB)
1969
geboren in Bad Oldesloe, lebt und arbeitet in Berlin
1999 – 2002
Studium freie Kunst an der Muthesius-Kunsthochschule, Kiel
2002 – 2004
Studium freie Kunst an der Malmö Art Academy, Malmö, Schweden
2004
Master of Fine Arts, Malmö Art Academy, Schweden
2011
Arbeitsstipendium, Künstlerhaus Eckernförde e.V.
2010
Arbeitsstipendium, Künstlerhaus Schloß Plüschow
2006
Katalogförderung, der Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein, Staatskanzlei Kiel
2005
Arbeitsstipendium, Pilotprojekt Gropiusstadt, Berlin
2004
Grant from Royal Swedish Academy of Fine Arts, Schweden
Assitant Grant, Swedish Art Council, Stockholm, Schweden
2007
"Mond als geworfener Apfel", Prima Kunst, Stadtgalerie Kiel (K)
2006
"Nicht dies, nicht das, nicht nichts", Ausstellungsraum Cluster, Berlin
2004
"cabin in the woods", Peep Galerie, Malmö, Schweden
2003
"Wer's glaubt wird selig" (mit Simone Anton), Galerie Umtrieb, Kiel
2010
"zeitgleich", Werkstatt Galerie 20, Wismar
"5 Jahre Oel-Früh-Retrospektive", Galerie Oel-Früh, Hamburg
2009
"It's about time", Galerie Skulpturi DK, Kopenhagen, Dänemark
"Klein ist relativ", Galerie Oel-Früh, Hamburg
"Nelson Mandela must be free", Spor Klübü, Berlin
2008
"Daheim", Galerie Andrieu, Berlin
"Die Angst reist immer mit," Galerie Neues Problem, Berlin
"Existence in a letter", Ausstellungsraum Cluster, Berlin
2007
"01/01", Gewächshaus, Berlin-Lichtenberg
"alt_cph artfair", Cluster, Kopenhagen, Dänemark
2006
"Ausstellungsprojekt zu Unmerklichem", West Germany, Berlin (Broschüre)
"Pieces of Art, Peace of Art", Merkur-Galerie der IHK zu Kiel
2005
"Malmö Art Academy - The first 10 Years", Rooseum, Malmö, Schweden (K)
"52. Landesschau BBK", Kulturforum Burgtorkloster, Lübeck (K)
2004
"51. Landesschau BBK", Ernst-Barlach Museum, Hamburg-Wedel (K)
2003
"Gottfried Brockmann Preis (mit Simone Anton)", Stadtgalerie, Kiel
2002
"Artgenda 2002", Biennale für Junge Kunst, Hamburg (CD)
2001
"transport of language-time volume", Kunstraum Walcheturm, Zürich, Schweiz
(K) Katalog
2008
"Fuhr-Park Salzau", Ausstellungskatalog, Kunstsymposium Landeskulturzentrum Salzau, Kiel
2007
"Thea Timm", Katalog, mit einem Textbeitrag von Carina Herring, Landeshauptstadt Kiel / Stadtgalerie Kiel und Thea Timm, Berlin
2006
"Das Rätsel bleibt in seiner Verschiebung am selben Ort", Broschüre zum Projekt von Stella Geppert,
West Germany, Berlin
2005
"Malmö Art Academy - The first 10 Years", Ausstellungskatalog, Rooseum, Malmö, SE
"Pilotprojekt Gropiusstadt", Jahrbuch zum Atelierprogramm, Berlin
2007
"Fuhr-Park Salzau", Kunstsymposium, Landeskulturzentrum Salzau, Schleswig-Holstein (K)
2005
"Erfassung von Schleichwegen", Pilotprojekt Gropiusstadt, Berlin
"Hardboiled suburb"
"New Order"
"Existence in a letter"
"Be one get three"
"Hotel Cluster"
„Nicht dies, nicht das, nicht
nichts“
"Alice and Me"
„Vorabzug“